Donnerstag, 17. September 2015

Es gibt nicht nur ein Leben vor dem Tod - Heute bin ich blond, morgen Punk



„Und wie du wieder aussiehst, Löcher in der Hose, und ständig dieser Lärm!“
 Die Toten Hosen

Mama hat immer gesagt, zieh dich ordentlich an und benimm dich. Aber ist das wirklich Leben, sich tagtäglich in Jeans und Bluse zu quetschen und in seinem Job alles und jeden anzulächeln? Ich bin der Meinung, jeder Mensch besitzt viele verschiedenen Seiten und Facetten, die es wert sind, ausgelebt zu werden. Und wenn man am Ende alles einmal ausprobiert hat, nimmt man dies und das in sein Grundrepertoire auf. Bin ich die rebellische Metal-Braut? Oder eher das liebe kleine Mädchen? Bin ich lieber zuhause, oder ständig unterwegs? Mache ich gerne Party, oder erfüllt es mich mehr, mit einem Buch und einer Tasse Tee den Sessel unsicher zu machen? Was für Menschen möchte ich um mich haben? Bin ich kreativ? Oder bin ich vielleicht von allem etwas, und jeden Tag wer anders?



Das Wichtigste, das ich bisher im Zuge meiner Selbstfindungsphase herausgefunden habe, ist, dass man das alles darf. Auch wenn es manchmal schwer fällt, Seiten an sich zu akzeptieren, die einem nicht so gut gefallen. Und dass es Zeiten gibt, in denen man sich mehr wie man selbst fühlt, und in anderen weniger. Letztere sind Zeiten, in denen man besonders kreativ werden kann. Immanuel Kant hat die These aufgestellt, dass es innerhalb der menschlichen Gesellschaft nur durch negative Gefühle wie Neid, Eifersucht und Unzufriedenheit Fortschritt geben kann. Denn wenn alle glücklich und bei sich wären, warum sollte man dann etwas verändern? Wenn Zeiten kommen, in denen man mit sich selbst unzufrieden ist und sich irgendwie doof fühlt, kann man überlegen: Was fehlt mir? Was kann ich tun, damit es mir besser geht? Was würde mich erfüllen? Und dann bastelt man, probiert einen neuen Club aus, ein neues Outfit, unternimmt außergewöhnliche Dinge, hört sich neue Bands an oder backt um sein Leben. Im besten Fall stellt sich irgendwann wieder das Gefühl sein: Das bin Ich. 



Ich persönlich finde es besonders interessant, in neue Rollen zu schlüpfen. Als Model geht das besonders gut, da man seine neue „Persönlichkeit“ gleich auf Bilder bannen kann. Im Alltag laufe ich düster und recht unscheinbar rum. Gut, auf Fotos bin ich meist auch düster zu sehen, aber da kann ich mit verschiedenen Rollen herumexperimentieren und Themen behandeln. Ich gebe zu, dass ich mich im Alltag noch schwer damit tue, einfach mal mit knallroten Lippen einkaufen zu gehen oder vor Freunden zuzugeben, dass ich gerade einen schlechten Tag habe und mich schwach fühle. Oder oder oder. 





Eine Freundin sagte mal zu mir: Pinsel, mach doch einfach mal, was du willst. Das schwierige dabei ist, herauszufinden, was man eigentlich will. Ich experimentiere dann besonders gern mit Perücken herum. Heute blond, morgen rot, übermorgen schwarz. Und dazu denke ich mir Charaktere aus, die zu den Perücken passen. Im Film „Heute bin ich blond“ geht es um ein Mädchen, dass ihren Brustkrebs besiegt. Dabei zieht sie jeden Tag eine andere Perücke auf, je nachdem, wie sie sich fühlt. Die kurze Rothaarige ist ein toughes, starkes Mädchen, das alles packt. Die lange Blondine ist etwas sensibler. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass sie all diese Mädchen und deren Charaktereigenschaften in sich vereint, und durch die Perücken eine Möglichkeit gefunden hat, sie quasi ohne Rechtfertigung nach außen hin darzustellen. Die Kunst besteht darin, das alles bei sich zu akzeptieren, Veränderung zuzulassen und nach außen hin darstellen zu dürfen. Ich finde, das ist gar kein so leichter Faktor des Erwachsenwerdens. Aber er kann unheimlichen Spaß machen.     

1 Kommentar:

  1. Ein ganz toller Text, der ein wichtiges Thema aufgreift! Ich finde ja, dass es nicht nur Spaß macht, verschiedene Seiten an sich zu entdecken, sondern das auch richtig und vor allem wichtig ist in der Selbstfindungsphase

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